Niederdeutsche Bühne Sülfmeister e.V.
2011
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Einmal ernst und einmal heiter

Landeszeitung vom Montag 26.09.2011

Einmal ernst und einmal heiter

Die Niederdeutsche Bühne Sülfmeister zeigte ihre „Küsten-Geschichten" im theater im e.novum

Von Jürgen Rickert

Beate Meyer  und Johannes Möddel spielen in Gorch Focks „Cili Cohrs". Foto:ta&w

hjr Lüneburg. Statt Fisch riecht es nach Krise. Die jungen Männer von Finkenwerder wol­len nicht länger aufs raue Meer, probieren stattdessen ihr Glück in den Werften. Und dann er­trinkt auch noch der Ehemann von Cili Cohrs während einer Fangfahrt auf der Nordsee. Die Witwe kümmert sich um den gerade geborenen Sohn, lehnt stolz alle Hilfsangebote ab, möchte das Schiff wieder flott machen und sucht dafür einen neuen Betreiber, der ihr ge­nehm ist. Den findet sie in Harm Saß, der für den Wieder­einstieg in seinen Beruf dem Alkohol abschwört. Gorch Fock schrieb darüber ein Dra­ma, das Hans Jürgen Gündling und das Ensemble der Nieder­deutschen Bühne Sülfmeister als beklemmendes Kammerspiel jetzt im Lüneburger theater im e.novum zeigten.

„Küsten-Geschichten" heißt das jüngste Programm der Sülf­meister: zwei kleine Stücke zwi­schen Ernst und Heiterkeit, eine Achterbahnfahrt der Ge­fühle. „Cili Cohrs" spielt 1898. Gorch Fock alias Johann Wil­helm Kinau konzentriert die Geschichte auf 45 Minuten. Die Regie stellt an Beginn und Schluss kurze Texte, um den Hintergrund auszuleuchten. Gündling schafft dichte Atmo­sphäre, stellt das Düstere, Be­drohliche heraus. Im Zentrum steht Beate Beyer in der Titel­rolle. Sie füllt die Figur der verhärmten Witwe famos aus, pendelt glaubwürdig von Ver­zweiflung zu Hoffnung,' bleibt selbst dann stark, als die Wahr­heit über das Unglück ans Licht kommt. Mit Gespür für richtiges Tempo spart die Aufführung jeden überflüssigen Effekt aus, bleibt konsequent beim Kern des Einakters.

Schlechte Zeiten, gute Zei­ten: In Alma Rogges schwung­voller Mini-Komödie „De Straf" darf gelacht werden. Hier geht es um die kesse Mimi. Sie vergnügt sich heimlich mit ih­rem Galan, wird von ihrem Vater Hein Bullerjan dabei er­tappt. Der Geliebte entwischt. Hinter dem Freier steckt aus­gerechnet Schneidergeselle Heini, der bei Mimis Erzeuger arbeitet. Natürlich lenkt der libidonös Entbrannte den Ver­dacht auf andere Kandidaten, preist sich aber gleichzeitig als Traummann für die Tochter des Schneiders an. Der willigt ein, um Mimi fortan vor maskulinen Überfällen zu schützen. Günd­ling lässt „De Straf" als turbu­lentes Lustspiel abspulen, be­sonders Jürgen Schmidt poltert als Hein Bullerjahn mächtig drauf los, derweil Hannes Möddel als scheinbar braver Geselle mit Unschuldsmine süffisant lä­chelt. Klara Schönfeld (Mimi), Georg Becker als draufgängeri­scher Rappsnuut und Beate Meyer als kodderschnodderige Meta Star bringen das rasant komödiantische Stück in Fahrt. Einiges zu tun hat auch Souf­fleuse Regina Stahn.

Am Ende viel Beifall für das Ensemble, weitere Vorstellun­gen im Landkreis wie schon in Kirchgellersen folgen

Der Witz sitzt Punktgenau

Die Niederdeutsche Sülfmeister feiert im T.NT einen Erfolg mit „keen Utkamen mit´n Inkamen


Für Verwicklungen ist reichlich gesorgt, wenn die Sülfmeister ihre neue Komödie spielen.

Lüneburg. Es ist ein Kreuz mit dem Salär. Zwar brummt die Konjunktur, doch der bun­desdeutsche Bürger stöhnt über sinkende Kaufkraft. Früher jammerte es sich kaum weniger laut. Gerhart Hauptmann hätte darüber vermutlich eine Tragö­die geschrieben. Fritz Wempner (1910-1994) näherte sich dem Thema mit Humor und auf Plattdeutsch: ,.Keen Utkamen mit 'n Inkamen“ heißt sein Lustspiel. Ein Bühnenhit, den Jürgen Schmidt jetzt mit dem bewährten Sülfmeister-Ensemble schmissig auf die Bretter des Lüneburger T .NT brachte.

Wie so oft bedient nieder­deutsches Theater das Milieu der kleinen Leute mit Alltagsgeschichten und kräftigen Poin­ten. Fritz Wempner besaß dafür Kennerblick, Fingerspitzenge­fühl und Augenmaß. Lachen wollte er schenken, aber nie zu drall.

Das gelang ihm prächtig „Keen Utkamen mit 'n Inkamen" erzählt von den Bodendieks, kinderlosen Rentnern mit  knapp bemessenem Portemonnaie. August und Ida drömmeln durch ihr Dasein, mäkeln über Muckefuck, die zu spät gelieferte Zeitung und den ewigen Ärger   mit   Nachbarin   Paula (köstlich keifend aus dem Off: Resi Kuhnt), die ihren dösigen Gemahl Fide  (Paraderolle für Jürgen Schmidt) zu ausgelassenen Schimpftiraden in die untere Etage schickt.

Bodendieks wollen dem fi­nanziellen Desaster Abhilfe verschaffen, suchen beide einen Mieter für ein leeres Zimmer. Not macht erfinderisch, sie vermieten im Doppelpack: Nachts logiert dort die kesse Sekretärin Lisa (Glücksgriff: Tanja Scheele), tags Fernfahrer Klaus (sehr präsent: Johannes Möddel ), ohne voneinander zu wissen. Ein heikler Deal, der irgendwann auffliegt. Bis zum Happyend ist mancher Kniff und Schluck nötig, viel Improvisationstalent, um Gefühlswogen zu glätten. Die Haustürklingel steht dabei kaum still.

Das Bühnenbild von Barbara Bloch sorgt für den piefigen Charme der frühen Nachkriegsjahre, stiftet viel Atmosphäre für das zunehmend amouröse Durcheinander. Der Regisseur bringt die Handlung auf Trab, entfacht bei seinen Akteuren ein Feuerwerk an Spiellaune. Es lahmt in keinem Moment. Im Gegenteil: Das Stück spult wie am Schnürchen ab. Der Witz sitzt punktgenau, das Timing stimmt. Die Kostüme von Kay Horsinka und Frauke Ollmann beschwören Zeitgeist.

Rolf Schreckenbach mimt den vergrätzten Vater von Klaus, Beate Meyer gefällt als Lisas Mutter, Anne Schoolmann ist die vornehm blasierte Gattin von Lisas Chef. Im Mittelpunkt stehen Regina Stahn und Georg Becker als Bodendieks. Sie entwickeln wunderbar komische Charaktere, überdrehen aber Nicht. „Keen Utkamen mit´n Inkamen“ ist niederdeutsche Komödie vom feinsten. Das Premierenpublikum amüsierte sich, jubelte am Schluss.

LZ-Bericht, 01.02.2011 von Jürgen Rickert

 

 

Hüt gifft dat wat: Allens op Platt

Lüneburg. Hütigen Dags gaht se to de Arge un holdt de Hannen up for „Hartz IV“, wenn se sick nich mihr ahn „Stütze“ vun’n Amt öber Wader hollen könnt. Foftich Johr trüch, to Tieden vun’n Wirtschaftswunner, is dat ganz anners west. Dor hätt jedeen sülben op sien eegen Ort vasöcht, ’n poor Mark mihr in’t Pottjemonottje to kriegen. So hebbt dat ok „Bodendieks“ makt un sick wat bannig Vigeliensches utdacht, um bit to’n ultimo beter öber de Runn’n to kamen: Se wullen sick ’n Inloschierer för ehr goode Stuuv seuken un denn för Eten, Drinken un Slapen afkasseern. So wat is domals, as veele Hüüser noch vun’n Kriech kaputt weern, Usus west. „Vadder August“ alias Georg Becker hätt sick in Stillen ’ne smucke Deern wünscht, „Mudder Ida“ alias Regina Stahn wull lever ’n jungen Mann ... Op ehr Annonce in de Lünepost kämen

– oh wat’n Wunner – wohrhaftig jüm ehr beid Wunschkandidaten.

Een na’n annern bimmel an de Husdöör. Un wieldem he, hin un wech dörch den Anblick vun de fesche „Sekretärin Lisa“ alias Tanja Scheele, ehr de Stuuv wiest  un op’n Wech trüch in’t Treppenhuus för twinnich Mark tosä, käm sien Fruu mit „Fernfohrer Klaus“ alias Johannes Möddel in de Stuuv för fofftich Mark op een Nenner. Wat is dor nu to maken? Glieks twe Lüüd för ’n eenzigen Ruum, un denn noch ’n Kierl un ’n Wief, de sick gornich kennt? Man so’n scheunet Inkamen is ok nich to verachten! Un de Deern geiht ja in’t Büro beför he vun siene Nachtfohrten na Huus kümmt. Dat schull man tominnst utproberen – villicht geiht dat ja goot???

Nee, dat gifft dullen Zoff! Un dorbi mischt ok noch de Nahbers „Sprott“ (Jürgen Schmidt, Resi Kuhnt), Mudder „Gerry“ (Beate Meyer), Vadder „Helmut“ (Rolf Schreckenbach) un de „Olsch vun’n Chef“ (Anne Schoolmann) düchtich mit. Man toletzt: Happy End – na, dat is doch klor! Wullt se de lutstarken Stritereen un den turbulenten Spaß sülven mitbeläwen? Dat könnt se nu as Tokiekers in’n Keller-Studio T.NT. von’n Theater Lüneburg, wenn de Niederdeutsche Bühne „Sülfmeister“ de von Fritz Wempner schreven Komedi „Keen Utkamen mit’t Inkamen“ speelt. Dor gifft dat bannich wat to’n Smustern un Högen!

Lünepost, 12.02.2011

vun Astrid Wisser   Fotos: t&w/nh;ff/nh;nh (2)